Forschungsraum mit Heike Pourian
(Tänzerin, Dipl. Kulturpädagogin, Wandelforscherin, Autorin von „Eine berührbare Welt“ und „Wenn wir wieder wahrnehmen“)
1.-4. Oktober
Teil I
26.-29. November
Teil II
Jeweils Donnerstag 17 Uhr bis Sonntag 15 Uhr
Die beiden Teile bauen aufeinander auf. Es ist in Ausnahmefällen möglich, nur den ersten Teil mitzumachen und nicht mit in die Vertiefung zu gehen, Teilnahme nur am zweiten Wochenende ist nur nach Absprache mit Heike möglich – und nur für Menschen, die ihre Arbeit bereits gut kennen.
Diese beiden langen Wochenenden sind auch eine Möglichkeit, den somatisch-politischen Schwerpunkt kennenzulernen, den es im 2. Jahrgang der Wegwarte voraussichtlich geben wird.
Somatisches Begleiten
Ich begreife das Somatische Begleiten als zu entwickelnde Kulturtechnik. Wir brauchen selbstverständlich in unserer Kultur verankerte Formate, um heftige Gefühle gemeinsam zu metabolisieren.
Wenn Kinder emotional überfordert sind und sich deswegen „unangemessen“ verhalten, hören sie auch heute noch nicht selten: „Geh raus und komm wieder, wenn du dich beruhigt hast!“. Was für eine Not da entstehen kann, was für eine Einsamkeit!
Der Zivilisationsprozess hat uns entfremdet und einsam gemacht. Charles Eisenstein nennt unser geltendes Narrativ die „Story of Separation“, die Geschichte der Getrenntheit. Wir haben als westliche, patriarchale Leistungsgesellschaft keine gemeinschaftlichen Werkzeuge, um all die großen Emotionen zu verstoffwechseln, die aufkommen, wenn Menschen aufeinanderstoßen, sich aneinander reiben, einander „triggern“ und alles Mögliche aufeinander projizieren. Viele indigene Kulturen kennen Bewegungs- und/oder Rhythmusrituale, die für Regulation sorgen können, wenn das kollektive oder einzelne Nervensystem in Wallung gerät. Wir brauchen etwas, das uns modernen Menschen entspricht – etwas, das anerkennt, wie individualisiert wir sind und wie sehr wir uns gleichzeitig danach sehnen, nicht allein zu bleiben mit dem, was verwirrend und zu viel ist. Ich hoffe auf eine Gruppe, die Lust hat, solche Formate miteinander zu erforschen (was tut den einen gut, was den anderen, wo sind die Schnittmengen?) und zu ersinnen, wie sie in verschiedensten Kontexten angewandt werden können.
Wie können wir Wege finden, all das, was sich angestaut hat, nicht nur in der nächsten Therapiestunde (für die Glücklichen, die einen Platz ergattern konnten oder es sich leisten können, dafür zu bezahlen), sondern gemeinschaftlich zu verdauen und dabei voneinander in unserem Fühlen, Taubsein, Suchen und Stolpern zu lernen und in all dem Verbindung zu erleben? Eben nicht: „Geh raus und komm erst wieder, wenn du dich beruhigt hast!“, sondern: Du bist nicht allein damit, musst dich nicht schämen und verschwinden. Es geht uns alle an – vielleicht fühlst du gerade etwas stellvertretend für andere.
Manchmal reagieren wir auf überfordernde Gefühle auch mit Absenz. Wir verschwinden – das ist ebenso folgenreich für die Atmosphäre in Räumen wie Wut und Konflikte, wenn auch nicht immer so sichtbar. Solche Taubheit kann Gruppen in Zustände von Apathie und Lähmung versetzen. Wie gehen wir damit um? Nicht, indem wir Präsenz einfordern, sondern, indem wir (ich mag diese Formulierung von Daniel auf der Mauer) die Absenz behutsam mit Präsenz umgeben: zu spüren, dass wir gerade nicht viel spüren – und damit nicht allein zu sein. Das ist ein wesentlicher Schritt im Umgang mit Dissoziation.
Ich habe dieses Format – damals noch unter dem Namen „Engeln“ – in meinem Buch „Wenn wir wieder wahrnehmen“ beschrieben und auch Workshops dazu angeboten. Inzwischen vermute ich, es braucht diesen neutraleren Begriff: Somatisches Begleiten.
Inhalte der beiden Wochenenden:
Vor allem werden wir das Somatische Begleiten praktisch üben und reflektieren. Beim Herantasten können für uns diese Aspekte hilfreich sein:
Bewegung und Lebensausdruck aus mir heraus:
Wir kennen in unserer Kultur sehr viel vorgegebene, standardisierte Bewegung, die kaum den Namen Lebensäußerung verdient. Verspielt den eigenen Impulsen (Bewegung und Stimme) Ausdruck zu verleihen ist – wenn überhaupt – Kindern vorbehalten. Mit dem Eintritt in die Schule ist es schnell vorbei damit, es gilt als peinlich, sich einfach so mit der eigenen Echtheit zu zeigen.
Dass das sein darf und hilfreich, heilsam, befreiend ist, diesen Raum dürfen wir uns zurückerobern – ohne ein neues Muss, ohne einen weiteren Wettbewerb daraus zu machen, wer am wildesten, am verrücktesten, am enthemmtesten ist. Nicht jeder authentische Lebensausdruck ist wild, laut, animalisch. Manchmal kostet es am meisten Überwindung, sich mit dem Kleinen, Feinen, kaum Sichtbaren zu zeigen. Uns da in unserem eigenen Tempo heranzutasten (ohne dass es mehr und emotionaler werden muss, also gepusht wird) ist Grundvoraussetzung für das Somatisch-Begleitet-Werden: Etwas, das in mir spürbar ist, findet seinen Weg in den (Bewegungs-)Ausdruck, wird gesehen und erfährt Resonanz und – wenn gewünscht – ein Gegenüber. Und ich selbst kann bestimmen, wie diese vielleicht ganz zarte Regung beantwortet wird: Jetzt wünsche ich mir eine Hand zwischen den Schulterblättern, jetzt viel Widerstand und jetzt lass mich allein.
Zum Annähern helfen uns Authentic Movement (bezeugte Bewegung mit geschlossenen Augen), Übungen aus dem Social Presencing Theatre und andere Improvisationsimpulse.
Begleiten und Berühren, Wünschen und Grenzen kommunizieren:
In unserem Alltag gibt es viel funktionale Berührung: Wir fassen Dinge an, um etwas zu verrichten. Lauschende Berührung, Berührung also, die durch den Körperkontakt etwas über den Zustand des Gegenübers erfahren möchte, will geübt sein. Dabei gilt es, eine stimmige Balance zu finden zwischen achtsamer Zurückhaltung und mutigem Zur-Verfügung-Stehen.
Das Wheel of Consent nach Betty Martin dient uns als Anhaltspunkt, den Umgang mit Wünschen und Grenzen zu erforschen. Wie geht es, für eine andere Person da zu sein, ohne sich selbst zu verlassen? Kann ich zu gleichen Teilen bei mir und bei dir sein? Was traue ich mich, zu wünschen? Darf ich Nein sagen zu einem Wunsch?
Diese wunderschönen Sätze fand ich in meiner Sommerlektüre:
„Eine zu frühe Absicht der Berührung tötete jede Sinnlichkeit. Karline war froh, zumindest einmal in ihrem Leben eine Ahnung davon erhalten zu haben.“ (in: Iris Wolff, „Die Unschärfe der Welt“)
Das Wort Sinnlichkeit mag die Frage aufwerfen: Wenn wir einander so nahe kommen, wenn es so intim wird – verschwimmt dann die Grenze zu Sexualität und Eros? Darüber habe ich einiges geschrieben – lest gern vorab in „Wenn wir wieder wahrnehmen“, vor allem S. 191 ff). Und meine kurze Antwort auf die Frage: Sexualität hat in meinen Augen (wenn sie einvernehmlich geschieht) immer etwas damit zu tun, einer Erregung aktiv handelnd zu folgen. Das werden wir im Workshop nicht tun. Eros hingegen ist für mich nichts anderes als die Lebenskraft und -lust. Dass uns diese Quelle wieder zur Verfügung stehen möge, ist Anliegen meiner Arbeit. Wenn Angestautes und Erstarrtes ins Fließen kommt, sind wir der Lebendigkeit auf der Spur.
Wissen über das Nervensystem:
Die Hirn- und Traumaforschung hat in den letzten Jahren hilfreiche Erkenntnisse über die verschiedenen Zustände unseres Nervensystems hervorgebracht. Solche Modelle zu kennen (z.B. Porges‘ Polyvagaltheorie, Honauers Aktivierungskurve, Feldmann Barrets Seven and a Half Lessons on the Brain und How Emotions are made) kann uns dabei unterstützen, uns selbst zu beobachten und einzuordnen, was gerade passiert. Insbesondere die Taubheit überhaupt wahrzunehmen und „die Absenz mit Präsenz zu umgeben“ braucht Wissen darüber, was Dissoziation eigentlich ist.
Erfahrbare Anatomie:
Sowohl für das Entwickeln und Erkunden eigener Bewegungsimpulse als auch beim Begleiten im Körperkontakt kann es hilfreich sein, etwas darüber zu wissen, wie unser Organismus gebaut ist. Grundlegende Anatomiekenntnisse helfen uns, Körperstellen spezifischer zu differenzieren und zu benennen.
Wenn ich mit der Grundstruktur meines Skeletts ein wenig vertraut bin, kann ich mich wahrscheinlich besser zu einem anderen Körper in Beziehung setzen, kann Hebelpunkte nutzen und Wege vom Zentrum (m)eines Körpers in die Peripherie – und zurück – nachvollziehen. Das kann auf der ganz physischen Ebene den Kontakt erleichtern.
All das ist mir aus meiner vierzigjährigen Praxis der Contact Improvisation vertraut. Wir greifen dafür außerdem auf Ansätze aus Body Mind Centering, Bartenieff Fundamentals und Feldenkrais zurück, und es werden immer Anatomiebücher herumliegen.
Metabolisieren oder verstehen?
Wir werden immer wieder innehalten, um eine Sprache zu finden für das, was wir im gemeinsamen Forschen erleben. Das dient der Reflexion unserer Prozesse und Weiterentwicklung der Arbeit. Und wir werden uns davor hüten, alles erklären und verstehen zu wollen. Das Bezeugen und Beschreiben hat seine eigene Wirkkraft und das Verstoffwechseln ist meiner Erfahrung nach vor allem ein zellulärer Vorgang.
Meditative Praxis:
Meditation kann eine Grundlage schaffen für Präsenz, Aufrichtung, Ausrichtung und Erdung. Wir werden gemeinsam in den Tag starten und es ist zwar kein Muss, aber doch richtig wünschenswert, dass wir gemeinsam auf diese Weise die Basis für den Tag legen. Die Praxis kann wechseln: Contemplative Dance, Standing with the Earth und an Tandava angelehnte Bewegungs- und Sitzmeditation. Wir werden finden, was uns gut tut.
Außerdem und Ausblick:
Es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass ich keine Methode lehre. Erstens halte ich Methoden für nicht zeitgemäß; sie entspringen einem eindimensionalen Ursache-Wirkung-Denken. Der NARM-Therapeut Tobias Konermann brachte es treffend auf den Punkt: Methoden sind geeignet für den Umgang mit komplizierten Systemen, geeignet, um etwas zu „reparieren“. Komplexe Systeme hingegen wie die menschliche Psyche/das menschliche Nervensystem brauchen Prinzipien, die wir tastend und lauschend anwenden, um zu bezeugen, was ist. Sie bedürfen heilsamer Formate, um sich zu zeigen und im Gesehenwerden Schritte zu gehen.
Zweitens halte ich mich nicht für die Expertin. Vielmehr bringe ich aus langjähriger Erfahrung Handwerkszeug mit, das uns einen Weg weisen kann, den wir gemeinsam gehen. Für mich selbst habe ich das Somatische Begleiten immer wieder extrem befreiend und beglückend erfahren, ich experimentiere damit seit etwa zehn Jahren. Es gibt noch viel zu erforschen. Ich habe ebenso viele Fragen wie Antworten. Und doch übernehme ich ganz ausdrücklich die Führungsverantwortung in diesen beiden Modulen.
Vielleicht entsteht aus der Gruppe ein kleiner Kreis an Menschen, die auch über die beiden Wochenenden hinaus daran weiterforschen wollen, wie das Somatische Begleiten in die verschiedensten Kontexte getragen werden kann.
In der Wegwarte wird es (vermutlich ab Februar 2027) einen zweiten Jahrgang geben, der sich der Erforschung der politischen Dimension des Somatischen widmet. Das Somatische Begleiten wird darin ebenso eine Rolle spielen wie das Erforschen improvisatorischer Räume für die Weiterentwicklung unserer Demokratiefähigkeit. Es wird dabei immer wieder Module geben, die offen sind für Externe. Informationen dazu bald auf der Website der Wegwarte.
Organisatorisches:
Übernachtung:
Es gibt einige Einzel- und Doppelzimmer in der Wegwarte, ein Matratzenlager können wir einrichten, Zelten ist auch möglich. Außerdem gibt es Stellplätze für Camper und Ferienwohnungen fußläufig im Dorf.
Je nach Gruppengröße sind wir im Seminarraum der Wegwarte (etwa 100m² und Eichenboden) oder im Saal nebenan (200m², auch Holzboden) – beim derzeitigen Stand der Anmeldungen eher letzteres.
Verpflegung:
Das Essen ist der Einfachheit halber vegan und glutenfrei für alle. Erste Mahlzeit Donnerstag Abendessen, letzte Mahlzeit Sonntag Mittagessen.
Teilnehmende helfen beim Schnippeln und Spülen, das hält die Kosten niedrig und schafft Begegnungsräume außerhalb des Seminarraums.
Die Kosten werden per Beitragsrunde gedeckt (findet am Ende des ersten Blocks statt).
Mindestbeitrag pro Wochenende 150.-, Richtwert für beide Wochenenden zusammen 560.-, nur für das erste 310.- (für Seminarleitung, Raummiete, Essen, Übernachtung, Organisation). Wir wollen deine Teilnahme nicht an eine Bedingung koppeln. Komm auch, wenn dir das zu viel ist – das funktioniert natürlich nur wenn andere mehr geben – genau für diese solidarische Finanzierung gibt es die Beitragsrunde.
Anreise:
Die Wegwarte ist öffentlich gut zu erreichen: Der nächste Bahnhof ist Witzenhausen Nord, von dort fahren Busse und Anruf-Sammeltaxis bis fast vors Haus. Genauere Anfahrtsbeschreibung auf der Website der Wegwarte. Bei Anreise mit dem Auto bitte im Dorf nur auf ausgewiesenen Parkplätzen parken!
Mithilfe dieses Mitfahrpads könnt ihr euch für die Reise zusammentun: https://textbegruenung.de/p/2aFNGqiMaX1HS9krWLKC
Anmeldung:
Email an: veranstaltungen@wegwarte.haus (bitte Übernachtungswunsch, Unverträglichkeiten bzw. spezielle Bedürfnisse angeben)
Da wir bei Veranstaltungen mit Beitragsrunden leider bisweilen eine große Unverbindlichkeit erlebt haben (anmelden und dann einfach nicht kommen), wird die Anmeldung gültig durch die Anzahlung von 80€ auf dieses Konto:
Wegwarte e.V.
IBAN: DE88 4306 0967 1339 6059 00
BIC: GENODEM1GLS
Diese Anzahlung wird auf den Seminarbeitrag angerechnet. Bei Abmeldung vor dem 15. September überweisen wir 40€ zurück, danach behalten wir den Betrag ein – es kann natürlich ein*e Ersatzteilnehmer*in gestellt werden.